Vom Familienunternehmen bis zum großen Verband – Führungspositionen kompetent und geschlechtergerecht zu besetzen, ist nicht einfach. Sie gut und nachhaltig auszufüllen ist nicht einfach. Menschen fragen sich nicht nur, ob sie der Aufgabe irgendwie gewachsen sind, sie fragen sich auch: Erlaubt mir die Führungsrolle noch das Leben außerhalb des Jobs zu führen, das ich führen möchte? Und erfüllen mich die Führungsaufgaben, oder sind sie eigentlich eine Last? Wie arbeite, wie lebe ich, wenn ich diese Position einnehme?
Diesen ganzheitlichen Blick auf den Nachfolgemoment in Führungsrollen finde ich wichtig zu schärfen: damit jene, die Führungsstellen besetzen oder ein Unternehmen übernehmen, eine gute Entscheidung treffen. Und auch jene, die sich bewerben bzw. sie antreten. Oder eben auch nicht bewerben und nicht antreten. Denn Führung ist nicht einfach ein logischer Karriereschritt. Vielleicht wäre es sogar gut, ihn überhaupt nicht primär unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Sondern vielmehr in all seinen Facetten, die er bereithält, als ein Moment, der das berufliche und private Leben der Führenden und der Mitarbeitenden verändern wird.
Über mehrere Monate hinweg habe ich mit verschiedenen Frauen gesprochen oder gearbeitet, die Führungspositionen angetreten haben und derzeit ausfüllen, oder denen sie angeboten wurden, die aber abgelehnt oder sie wieder verlassen haben. Frauen, die in Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Nichtregierungsorganisationen oder Gewerkschaften arbeiten und führen. Oder wiederum andere darin begleiten oder beraten.
Und bestimmte Konzepte sind dabei aufgetaucht, die interessante Facetten der Führungsfrage aufzeigen: gemeinsam einsam sein, in große Schuhe reinwachsen, die Aufgabe auf mehrere Schultern verteilen… Ich habe das Gehörte in kurzen Texten kondensiert und Helena Weinhardt hat einige dieser Aspekte in den unten eingefügten Aquarellen bildlich dargestellt. In der Summe zeichnen sie ein Kaleidoskop weiblicher Vorstellungen von Führung, Verantwortung und (Arbeits)leben.
Ein großer Dank geht an Helena Weinhardt, die mit ihrem künstlerischen und jugendlichen Blick die abstrakten Konzepte zu bildlichen Darstellungen gemacht hat. Und an all die Frauen, die ihr Wissen und ihre Perspektive, ihre Erfahrungen und ihre Fragen, mit mir geteilt haben!
Schreibt mir gern – egal, ob es euch inspiriert oder irritiert, ob ihr einfach etwas rückmelden oder dazu fragen wollt.
Schaut selbst…

Die Last auf 2-3 Schultern schultern
Geschäftsführung ist auch eine Last. Eine besondere, letztendliche Verantwortung für andere, für das Ganze. Viele, die ich in Führung erlebt habt, waren 24 Stunden sieben Tage die Woche in Rufbereitschaft. Tinnitus, Herzinfarkt, kaputte Familie. Ich setze Grenzen: Urlaub ist Urlaub, krank ist krank, Feierabend ist Feierabend. Geteilte Führung heißt, ich trage nicht alles. Und komme so leichter voran.

In große Schuhe reinwachsen
Wir treten nicht in die Fußstapfen anderer, denn wir gehen ja weiter, voran, wo die Organisation, das Unternehmen noch nie war. Wir wachsen in unsere eigenen Schuhe hinein.

Gemeinsam einsam
Auf der jährlichen Veranstaltung siehst du sie gemeinsam sitzen, gemeinsam ausruhen nach der Anstrengung alles zu organisieren, so wie du da auch früher saßt. Aber jetzt hast du andere Aufgaben als damals: Hände schütteln, Begrüßungsrede halten…
Du gehörst nicht (mehr) zu der Gruppe der Mitarbeitenden. Weil dich andere Fragen beschäftigen. Weil du andere Aufgaben hast. Über Monate hinweg an bestimmten Herausforderungen und Prozessen brütest, über die sich die anderen keine tiefgehenden Gedanken machen müssen. Man ist halt Chef.
Wenn du zu zweit oder dritt führst, bist du damit nicht allein, weil es deinen Geschäftsführungskolleg*innen genauso geht. Da ist eine Einsamkeit, aber in der bist du gemeinsam.

Das Aufgebaute in die eigenen Hände nehmen
In der Nachfolge von Geschäftsführungen sind beide wichtig: die Abgebenden und die Nachfolgenden. Die Einen müssen loslassen: das, was sie aufgebaut haben, aus den Händen geben, manchmal ist das ihr Lebenswerk. Oder ihr „Baby“. Die Anderen müssen es in die Hände nehmen, zu ihrem machen, sich erlauben Dinge anders zu tun als der Mensch, der es bisher aufgebaut und geführt hat. Abgebende geben Werte und Wissen weiter – am Anfang möchte ich noch beraten werden. Und irgendwann reden sie dann nicht mehr mit. Dann bin ich ganz auf mich allein gestellt, und dann ist es ganz meins.

Sage ich von ganzem Herzen Ja?
Ich frage mich: Welches Leben lebe ich als Geschäftsführende? Welchen Raum lässt es für andere Dinge? Ist das, was es von einer Geschäftsführenden braucht, wirklich das, was ich gerne tue? Was mich zufrieden macht und ausfüllt? Was tue ich eigentlich von ganzem Herzen?
Und – worin bin ich gut? Welche meiner Stärken bringe ich dann ein? Bin ich kompetent und ausreichend erfahren? Wenn man nicht springt, lernt man nicht schwimmen. Und was braucht es denn von einer Geschäftsführenden, wirklich?
Gemeinsam zu führen ermöglicht anderes als allein an der Spitze zu stehen: Es lässt mehr Freiraum für anderes im Leben und es erlaubt, Stärken und Schwächen komplementär einzubringen, sich weniger unzulänglich zu fühlen. Und doch: Was kostet mich die Entscheidung, diese Geschäftsführungsstelle anzunehmen? Was ist mir dann nicht mehr möglich?

Wissen, was den Kopf kosten kann
Es gibt Dinge, die kosten dich als Geschäftsführung den Kopf. Und die gehen dann vor.

Mut und Trauer
Geschäftsführungen anzunehmen und zu leben, Geschäftsführungen abzulehnen oder wieder abzugeben – erfordert so viel Mut. Mut zur Entscheidung. Mut zum Loslassen. Mut zur Trauer – über das, was nicht so gekommen ist, wie ich gewollt hätte, über das, was nicht geht, über das, was ich nicht verwirkliche, die Wege, die ich nicht einschlage oder wieder verlasse.

Das anders Können und anders Wollen
Bereitschaft, Wille, Offenheit. Vorbild sein wie wir führen, wie wir arbeiten. Und wirklich, wirklich akzeptieren, dass wir Dinge unterschiedlich tun und unterschiedlich sehen. Dass wir deshalb zu Zweit oder Dritt führen. Dass es nicht nur um mich geht.
Und zugleich schauen: Stimmt die Basis um gemeinsam zu führen? Ja, wir sind unterschiedlich – aber sind unsere Werte und Vision in Bezug auf Führung, Ausrichtung, Arbeitskultur hinreichend ähnlich, um an einem Strang ziehen zu können statt Tauziehen zu spielen?

Mensch und Rolle sein
Im Team zu führen heißt, ganz viel Mensch sein: zu erlauben, dass der gemeinsame Prozess des Führens und Nachfolgens mich herausfordert, verändert, ich mit etwas sichtbar werde und mich der anderen Person öffne. Dass ich auch für Mitarbeitende anders sichtbar werde.
Und: Geschäftsführung ist eine professionelle Rolle. Die mit bestimmten Verantwortungen, bestimmten Aufgaben, bestimmten Notwendigkeiten einhergeht. Gemeinsam zu führen kann auch eine Chance sein, das ganz Individuelle nicht zu bestimmend werden zu lassen. Sich gegenseitig Korrektiv zu sein.

Erkenntnis in Wellen
Man kann reden so viel man will, sich ausführlich vorbereiten, aber man kann nicht wissen, was es bedeutet, in der Verantwortung der Geschäftsführung zu sein. Bis frau es ist. Die Erkenntnis, das Fühlen kommt in Wellen: Wow, für all diese Menschen tragen ich jetzt Verantwortung. Ist es „nur“ ein Job für mich? Ist es eine (Lebens)aufgabe? Wie weit gehe ich, was bedeutet das?






