Dinge haben ihre Eigenzeitlichkeit, um sich zu entfalten. Wie schnell ich unterwegs bin, erlaubt mir Unterschiedliches: meine Umgebung mehr oder weniger wahrzunehmen, mich selbst mehr oder weniger wahrzunehmen, lange Strecken zurück zu legen, schnell anzukommen. Je nach dem Tempo, in dem ich unterwegs war, möchte mein Körper sich anschließend ausruhen oder vielleicht kräftig schütteln. Bin ich in der Arbeit immer nur im selben Tempo unterwegs, werde ich mir und der Sache nicht gerecht. Aber wie kann ich tiefer reflektieren, was ein stimmiges Tempo wäre?
Geh-Übung zum Explorieren
Nimm dir gut 15 Minuten Zeit für eine Geh-Übung: einfach das Audio herunterladen und den Anweisungen folgen. Du liegst, gehst und läufst in verschiedenen Tempi, also schau, dass du genug Platz hast (meistens funktioniert draußen besser) und dass du dich wohl fühlst dies in der gewählten Umgebung zu tun.
Ich weiß, es ist sehr verführerisch die nachfolgenden Überlegungen zu lesen und Reflexionsfragen zu beantworten ohne die Übung gemacht zu machen – aber um es in der Tiefe zu erfassen und Wandel zu bewirken, ist das eigene fühlende Erleben unersetzlich. Und super wirksam – versprochen!
Nach der Audio-Übung
Folgende Geschwindigkeiten hast du erkundet (oder zumindest im Audio gehört):
- 0 – ohne Bewusstsein liegen
- 1- sich an einem müden Tag einfach hinlegen
- 2 – sich hinlegen im Sinne aktiver Erholung und Entspannung
- 3 – sich treiben lassen/langsames Spazierengehen
- 4 – im Urlaub einfach so für den Genuss irgendwohin gehen
- 5 – mit genügend Zeit zu einem Treffen gehen: zielstrebig, entschlossen
- 6 – keine Zeit zum Chillen: leicht in Eile, aber noch pünktlich
- 7 – ein bisschen zu spät, etwas gehetzt
- 8 – zu spät für den geplanten Zug, dorthin joggen
- 9 – laufen, um den letzten Zug des Tages zu erwischen
- 10 – um Leib und Leben rennen
Was lerne ich dadurch über mich und meine Arbeit?
Mit der eben gespürten Erfahrung noch präsent, denke über folgende Fragen nach und mach dir Notizen dazu. Wähle dabei bewusst Tempo und Zeitrahmen, wie du möchtest: von „in 5min kurz&knackig das aufschreiben, was intuitiv und schnell kommt“ bis „mehrere Stunden umfassend, detailreich und spürend die Fragen in ihrer Tiefe erkunden“ ist alles möglich.
- Wie empfinde ich die verschiedenen Geschwindigkeiten? Welches Tempo bereitet mir in gewisser Weise Freude? Welches ist unangenehm? Immer, manchmal, oder variiert es?
- Sind mir manche Tempi vertrauter als andere? Zumindest in bestimmten Kontexten? Sind manche für mich unerreichbar oder besonders kräftezehrend?
- Welche Aktivitäten (im Beruf/Privatleben) mache ich in welchem Tempo? Zu welchen Geschwindigkeiten führt das an einem typischen Arbeitstag oder in verschiedenen Phasen meiner Arbeit?
- Warum erledigen wir/ich die Arbeit in dem gewählten Tempo: Aus Gewohnheit, weil es wirklich notwendig ist, weil ich mich bewusst dafür entscheide…?
- Gibt es Änderungen, die ich vornehmen möchte? Kann ich das selbst entscheiden, brauche ich dafür andere?
Wie kann ich mir das beispielhaft vorstellen?
Wir bei iniciato haben ziemlich viele Arbeitsbesprechungen, die sich für mich wie eine 5–6 anfühlen (zielgerichtet, entschlossen, aber ohne Eile) – das gilt zum Beispiel für interne Besprechungen mit festem Rahmen wie unseren Jour fixe – da muss mensch nicht sehr kreativ sein oder mäandern, aber Eile fühlt sich kräftezehrend an, also vermeiden wir das üblicherweise.
Wenn ich mit Kunden arbeite, z. B. beim Coaching eines Teams, strebe ich eine 6 an, habe aber vielleicht einige Phasen der 7, um pünktlich fertig zu werden, denn normalerweise neigen Auftraggebende und ich dazu, etwas zu pushen, um „ein bisschen mehr“ zu erreichen, als in dem gegebenen Zeitrahmen tatsächlich stimmig wäre.
Wenn ich jedoch einen Workshop oder ein Teamcoaching vorbereite oder wir intern als Team über unsere Spannungen oder Sehnsüchte reflektieren, ist eine 4 erforderlich, oft sogar Abschnitte mit einer 3, damit wir Zeit haben, unsere somatische Intelligenz einzubeziehen, Emotionen zu spüren, uns vorzustellen, wie sich die Dinge entwickeln könnten, und dabei kreativ zu sein.
Wie kann ich das einordnen?
Es ist hilfreich, wenn wir alle Bewegungsgeschwindigkeiten ausführen können, um uns an alle Situationen anzupassen, die das Leben für uns bereithält; daher ist die Bandbreite wichtig: Kann ich all diese Tempi und die damit einhergehenden Körperhaltungen ausführen?
Es braucht drei Dinge: Bandbreite (ich kann prinzipiell alle), Wahrnehmung (ich merke überhaupt, in welchem Tempo ich arbeite) und Wahlfreiheit (ich bin frei es anzupassen)!
Denn wir tun Dinge vielleicht in einem Tempo, das dafür nicht vorgesehen ist oder das nicht zu unseren jeweiligen Körpern passt: Es kann zu langsam oder zu schnell sein.
Typische Gründe sind:
- Gewohnheit
- innerer (oder verinnerlichter) Druck: z. B. Schuldgefühle nicht genug zu leisten, wenn ich „trödel“
- äußerer Druck: z. B. Erwartungen einer Kundin, eines Kollegen oder einer Vorgesetzten, strukturelle Zwänge (Marktdruck), Situationszwänge (ich bin krank einige Zeit ausgefallen und nun ist die Frist schon sehr bald)
- Unterschiede im Team: z. B. fühlen sich meine Kolleginnen mit einem anderen Tempo wohler und ich passe mich an
Üblicherweise ist eine zu hohe Arbeitsdichte und ein zu hohes Tempo das Problem, aber nicht immer arbeiten wir zu schnell, manchmal auch zu langsam: Ich habe in Teams gearbeitet, die die Fähigkeit benötigten, sehr schnell auf eine Situation zu reagieren, z. B. bei einem Kampagnenfenster oder der Notwendigkeit einer Presseerklärung. Wenn dann die Teamdynamik, unklare Entscheidungsprozesse oder andere Gründe dazu führten, dass wir keine 8 oder gar 9 liefern konnten, fühlte ich mich durch die Langsamkeit ausgebremst und hatte das Gefühl, nicht wirksam zu sein. Es ist wichtig, dass Menschen bzw. Teams in bestimmten Situationen auch im Arbeitskontext eine 8 oder 9 liefern können, aber es hat negative Folgen, wenn sie sich zu oft in dieses Tempo zwingen oder gezwungen werden.
Daher gilt: Wähle, wo möglich, das stimmige Tempo!
Warum ist das so wichtig?
- Ein unpassendes Arbeitstempo führt zu schlechteren Ergebnissen: z. B. mangelnde Kreativität, fehlende Ausrichtung auf das Ziel, oberflächliche Scheinlösungen für tiefsitzende Probleme.
- Ein unpassendes Arbeitstempo zehrt an dir: Dein Körper, dein Nervensystem – DU – brauchst an bestimmten Tagen ein bestimmtes Tempo für bestimmte Arten von Arbeit, sonst macht es keine Freude, sondern ist eine Belastung.
- Abwechslung ist entscheidend: Kein Körper, den ich kenne, ist glücklich, wenn er sieben Tage die Woche den ganzen Tag lang im Tempo 2 oder 8 lebt. Körper sehnen sich nach Abwechslung, wollen Neues entdecken und sich in unterschiedlichen Tempi erleben. Je mehr dein Arbeitstag unterschiedliche Tempi zulässt, desto weniger musst du die fehlenden außerhalb der Arbeit „nachholen“, desto regenerativer und bereichernder ist die Arbeit.
Deshalb empfehle ich die Reflexionsfragen oben und dich und dein Team in nächster Zeit immer mal selbst zu beobachten: Welches Tempo haben wir gerade? Ist das stimmig? Möchte ich es ändern? Kann ich es ändern?
Beachte dabei:
- Keine Selbstoptimierung, sondern ein mitfühlender Blick auf dich und deine Arbeit: Tut mir das gut? Möchte ich das so?
- Der richtige Grad an Eigenverantwortung: Selbstermächtigung, wo es dafür tatsächlich Spielraum gibt (was kann ich anders machen, wo bin ich selbstbestimmt)? Aber auch ein klares Anerkennen: Wo sind Machtstrukturen (z.B. Marktzwänge oder einzelne machtvolle Personen), die mir das nicht erlauben? Wie möchte ich mit diesen Konstellationen umgehen?
Die Geschwindigkeit zu finden, die für einen selbst, im Teamkontext und für die Sache die richtige ist, ist ein immerwährender Prozess. Wir ändern uns, Konstellationen ändern sich. Es ist nichts, was du ein für alle Mal klärst. Aber als Erfahrung, die du im Hintergrund hast und ab und zu erinnerst und auf deine Arbeitsplanung anwendest, kann sie tiefe Veränderungen für deinen Stresslevel und deine Wirksamkeit bewirken.








